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Märchen
Märchen in altdeutscher Schrift lesen
aus "Ma Carpèdiem"


Fünf Märchen für moderne Frauen

1 - Die Frau und die wilden Schwäne

…Patriarchaler geht es gar nicht. Erst als sie sich am Ende beinahe selbst aufgegeben hätte, wird die Heldin sich ihrer Wurzeln bewusst. Damit endet das Märchen an dem Punkt, an dem viele Mütter merken, dass etwas ganz grundlegendes nicht mehr stimmt, ohne zu wissen, dass sich bereits auf dem Weg zu matriarchalem Bewusstwerden befinden.  (...Unten geht es weiter)

2 - Märchen Affunculis

Sie bauten das Haus der Könige. Aber die Bauleute dieser Weltordnung sind stumme Zeugen. Dieses Märchen rankt sich fantasievoll um die Entstehung es kapitalistischen Patriarchats.

3 - Der Garten der Göttinnen

Weiblich ist das Göttliche, seit Urzeiten. Und die ganze Erde war ein Garten. Wetten, du wirst wissen, wo sich der märchenhafte Garten der Göttinnen befindet?

4 - Der lange Weg

„Und ihre Enkel kannten das Netz des Lebens nicht mehr.

Doch da war eine kleine Faser, die hatte die große Göttin unsichtbar in die Herzen der Frauen gewebt. Und wann auch immer ein Mutterherz zerbricht, wo sieht sie eine goldene Faser in ihrem Herzen, die leuchtet wie ein Hoffnungs-Funke. Und sie steht auf und geht auf die Suche nach dem Netz des Lebens.“ Das Märchen handelt von dem langen Weg der Mütter in das Land ihrer Enkeltöchter.

5 - Mütter und Töchter

Eine Märchen-Geschichte über den alten Konflikt zwischen Mutter und Tochter, in verschiedenen Facetten. Fremde Frauen die sich verbinden, singen das Lied vom Zaubergarten. Seine geheime Botschaft führt sie schließlich dort hin. Das Gestern ist morgen heute.

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Die Frau und die wilden Schwäne

Das Märchen Lavina: Immer wieder durchstieß die vor Angst bebende Stimme einer Frau das schreckliche Schwarz der wogenden Wasseroberfläche. Ihre Hand krallte sich noch fester in die Bordwand der Barke, als eine Welle ihr hart ins Gesicht schlug. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war von dem großen Schiff nichts mehr zu sehen, vor dem das Kind sich an einem kleinen Schränkchen festgehalten hatte. Jetzt hatte das Meer alles verschluckt. Lavina! Der Blick der Frau glitt verzweifelt über die Wellen. Niemand, kein Mensch, kein Meer, und kein Gott schien ihre Schreie zu hören, die langsam mit dem Kind im Meer ertranken. Als ihr Rufen verstummt war, füllte ein bitteres Gebräu aus Angst und Schmerz ihre Brust. Eine alte Frau sagte weinend: „Die ist jetzt bei den Engeln im Himmel, und sie sieht dich, mein Kind. Sei leise.“ Die Frau sah in die glänzenden, unendlich traurigen Augen einer weißhaarigen alten Mutter. Aber sie hörte nichts. Sie hörte nicht einmal das hohe Summen, das durch ihre verzerrten, aufeinander gepressten Lippen drang. Sie fühlte nicht die Kälte, die sich durch ihre nassen, bestickten Kleider fraß, und sie fühlte nicht die heißen Tränen, die über ihre Wangen liefen. Ein unbarmherziger Angst-Schmerz hielt alles fest umschlungen, das in ihr lebte und atmete. So saß sie wie versteinert auf der Bordwand der Barke, und es schien so, als sei ihre Hand an der Bordwand festgefroren. Aber sie spürte es nicht. Sie sah und sie fühlte nicht die Hände, die an ihrem Arm zogen. Sie sah nicht die Hände der Ertrinkenden, die von der Bordwand glitten, und sie bemerkte nicht das Treten, das Herunterdrücken und das Zerren eines rücksichtslosen Todeskampfs namenloser Männer und Frauen. Als die Menschen, die keinen Platz auf der Barke fanden, ertrunken waren, beruhigte sich die boshafte See und der Himmel riss auf, und das warme Sonnenlicht spiegelte sich, wie von Künstlerhand gemalt, auf der nun ruhigen glänzenden Wasseroberfläche. Auch das Summen der Frau war verstummt. Eine beinahe idyllische Ruhe lag über der kleinen Barke mit den drei Frauen und den sieben Matrosen, die in ihrem Ölzeug in der Mitte des Boots saßen.

Ohne Hoffnung und ohne Ziel trieb die kleine Barke mit der Frau in den bestickten, durchnässten Kleidern vor der unendlich weiten Kulisse des fernen Horizonts. Im Sonnenlicht glitzerte die Wasseroberfläche, unter der das Grab der Männer und Frauen lag, die gestern noch aßen und tranken, die scherzten und lebten. Und inmitten der Toten lag auch Lavina, die sich hoffnungsvoll an dem kleinen Schränkchen festgehalten hatte, bis sie das Rufen ihrer Mutter nicht mehr hören konnte. Gegenüber der Frau kauerte die alte Mutter auf dem Rand der Bordwand, und es schien, als ob sie die Frau mit ihren Blicken umarmte, so dass sie nicht, wie das Kind, im Meer versinken möge. Am Bug saß eine Frau, die sich Elysia nannte. Sie trug ein einfaches, schmales, an den Seiten geschlitztes Wollkleid, dessen safrangelbe Farbe wie Gold in der Mittagssonne glänzte. Darunter trug sie ungefärbte Kleider aus dünnem Nessel. Ihr langes Haar war grau und lockig. Sie trug es offen, was in dieser alten Zeit nicht üblich war. Sie saß am Bug wie eine Gallionsfigur. Es schien beinahe so, als würde sie an dem leichten Windhauch Gefallen finden, der mit ihren Locken spielte, wie ein Liebhaber, welcher das Haupt dieser geheimnisvoll anmutenden Frau liebkoste. Mit der Frau in Safran am Bug, und mit den beiden regungslosen Frauen auf der Backbordseite und auf der Steuerbordseite trieb das kleine Boot mit den Schiffbrüchigen seinem unheilvollen Schicksal entgegen. Das beklemmende Idyll fand ein jähes Ende, als unter den Männern in dem Ölzeug, die in der Mitte des Bootes saßen, eine Rauferei ausbrach. Einer von ihnen hatte der jungen Frau ein durchweichtes Stück Brot gestohlen, das sie in dem kleinen zinnoberroten Lederbeutel aufbewahrt hatte, den sie an einer silbernen Kette  bei sich trug, die an einem silbernen Gürtel befestigt war. Die Sonne hatte den Beutel getrocknet, und kleine Salzkristalle glänzten an seiner Oberfläche, wie Edelsteine auf einer kupfernen Kugel. Das Funkeln der Salzkristalle lenkte den Blick der Männer erneut auf den kleinen Beutel und auf die Silberkette. Da griffen gierige Hände hastig nach der Kette, die der jungen Frau in die Haut schnitt, als sie daran rissen. Den Beutel warfen sie verächtlich ins Wasser. Die junge Frau blickte auf die Vorderseite des Beutels, die oben trieb, bis er neben dem Boot versank.  Das mit Seidenfäden eingestickte Monogramm war alles, das in dieser Stunde noch an ihr Leben erinnert hatte: Ein großes S und ein großes E, Sylvia Elea. Später, so sollte es kommen, da würde sie sich Sylvia Elysia nennen. Aber noch hatte das traurige Schicksal der Schiffbrüchigen sich nicht vollendet. Es vollendete sich mit einem schrillen Schrei, mit dem die Frau in Safran zwischen die Männer in dem schaukelnden Boot fiel, bevor einer nach dem anderen über Bord ging. Elysia, die Frau im mit Safran gefärbten Kleid, hatte sich an den Ösen im Rumpf der Barke festgehalten, bis sie schließlich unter dem hohlen Rumpf des gekenterten Bootes wieder auftauchte.

Vor dem Horizont war in weiter Ferne die Silhouette einer hügeligen Landzunge zu erkennen, als die Abendsonne zinnoberrot im Meer versank. Der Kiel des Bootes wölbte sich über der im Abend-Licht purpurschimmernden Oberfläche der ruhigen See. Immer wieder versank der Kopf von Sylvia Elea unter den groben Männerhänden im Wasser, die sich, auf das Haupt der Frau stützend, auf den schmalen Kiel der kleinen Barke retten wollten. An Kraft war Sylvia Elea der alten Mutter überlegen. Und so kam es, dass bald nur noch die junge Frau auftauchte, bevor sie wieder und wieder unter Wasser getaucht wurde. Als sie fühlte, dass auch ihre Kräfte zu schwinden begannen, tauchte sie noch weiter ins Meer hinab. Da unten sie tat ein paar kräftige Schwimmzüge, bis das Verlangen nach Luft sie zwang, wieder aufzutauchen.

Nach ein paar tiefen Atemzügen wagte sie einen Blick zu der Barke, die sie bis hier hin über die Unendlichkeit des Meeres getragen hatte. Da sah sie fünf Männer, die dicht an dicht, rittlings auf dem schmalen Bug des Bootes saßen. Unter ihnen ertrank die Frau in den mit Safran gefärbten Kleidern im eisigen Wasser. Denn ihre vor Kälte erstarrten Hände konnte sie nicht mehr an den Ösen des sinkenden Bootes halten. Sie starb lautlos, während die Unglücks-Barke noch eine Weile still auf dem Meer stand. Schließlich versank sie mit den frierenden Männern. Die junge Frau aber bot all ihre Kräfte auf, und sie schwamm und schwamm. Und ihr Blick war stets auf die Landzunge am Ende des Horizonts gerichtet. Sie schwamm weiter, auch lange nachdem die Sonne schon untergegangen war. Nur das kleine Leuchten aus dem Fenster eines entlegenen Hauses wies ihr den Weg.  In dieser Nacht erblickte eine kleine Tochter einer armen Fischersfrau in einem kleinen Fischerhaus das Licht der Welt. Das Licht einer kleinen Tochter verschmolz mit dem Licht des Lebens einer elenden Frau. Es war eine elende Frau, die draußen auf dem Meer ihre Arme wieder und wieder streckte und beugte. Und sie wusste nicht, warum. Aber sie tat dennoch Zug um Zug, und sie fühlte nicht die Kälte, und sie fühlte nicht ihre schmerzenden Muskeln, und sie fühlte nicht das Brennen des Salzes in ihren Augen. Auch fühlte sie das Brennen auf ihren spröden, aufgerissenen Lippen nicht. Irgendwo zwischen Leben und Sterben brach die junge Frau schließlich ermattet an einem steinigen Küstenstreifen zusammen. Das Schicksal hat es so gewollt, dass die beraubte, niedergedrückte und in größter Todesnot untergetauchte Mutter eines toten Kindes die einzige Überlebende war. Niemand weiß, wie lange sie an diesem Strand gelegen und geschlafen hat. Ihre nassen Kleider waren alles, was sie noch besaß.

Als sie am Mittag erwachte, setzte sie sich hin und starrte lange aufs Meer hinaus. Sie hat das Meer geliebt. Jetzt war es das Grab ihrer Tochter geworden. Es war das Grab der alten Mutter geworden, die sie mit ihren Blicken umarmt hatte, als sie von der Bordwand der Barke fallen wollte. Und es war das Grab einer geheimnisvollen Frau geworden, die am Bug des Bootes gesessen, und die es scheinbar genossen hatte, wenn der Wind ihr Haar liebkoste. Auf einmal schoss ein Feuerpfeil durch ihr Herz, als ihre Augen das Safrangelb des Kleides der Fremden erblickten. Sie stand auf und eilte zu dem leblosen Körper hin, den das Meer an den Strand geschwemmt hatte. Sie gedachte der heimlichen Freude dieser Frau, als der Wind mit ihrem Haar spielte, und sie gedachte des schrillen Schreis, mit dem die Frau in Safran sich zwischen die fremden Matrosen fallen ließ, während das Schaukeln des Boots sie selbst von der Bordkante geschleudert hatte. Und sie gedachte der Männer, die Opfer ihrer eigenen Gier geworden waren. Und sie gedachte ihrer letzten elenden Habe, die vor ihren Augen im Meer versunken war, während ein grober Matrose lachend ihre silberne Kette in seiner Hand hielt. Sie dachte daran, wie die Männer sie immer wieder untergetaucht hatten. Und im Geist sah sie ihre kleine Tochter, die sich mit ihren kleinen Händen an dem Schränkchen festgehalten hatte, und die ihren Blick nicht von ihr weichen ließ, bis die Wellen über ihrem Kopf zusammen schlugen. Da stahl sie der Toten das mit Safran gefärbte Kleid und zog es an, und sie öffnete ihr Haar, damit die Sonne es trocknen möge.

So ging sie aufrecht schreitend zum Hafen, den sie in der Ferne vor sich liegen sah. Und der Wind spielte mit ihrem offenen Haar. Auf ihren lächelnden Lippen lag eine stumme Lüge. Die Männer lachten freundlich, als sie die junge Frau sahen. Da rief einer: „Du! Schöne! Komm und begleite mich. Ich fahre hinaus zum Fischen.“ Die Frau dachte an das kleine Licht, das sie zu diesem Dorf geleitet hatte, und so ging sie mit. Als der Fischer mit der jungen Frau abends zum Hafen zurück kam, gab er ihr Fische, und sie ging. In der Nacht versteckte sie sich in einer kleinen Felsenhöhle, und sie deckte sich mit ihrem alten Wollkleid zu. Am nächsten Tag ging sie wieder zum Hafen. Als der Fischer erneut nach ihr rief, ging sie weiter. Die anderen Männer lachten. Der Fischer aber rief ihr böse Worte hinterher. Das gefiel dem Kaufmann, der am Hafen seine Waren feilbot. Mittags, als alle ruhten, schlich er zu der Frau in Safran und sagte: Komm mit in meinen Wohnwagen. Ich will in die Stadt fahren, bevor es dunkel wird. Nachts sind die Straßen gefährlich. Du wirst froh sein, wenn du bei mir bist.“ Da ging sie mit. Sie gedachte der Dinge, die ihre Mutter sie gelehrt hatte: Wie eine feine Frau sich bewegt, wie sie spricht, wann sie schweigt und wie sie isst. So kam es, dass der Kaufmann sie viele Tage lang in seinem Wohnwagen mitnahm. Bevor er die Stadt erreichte, wurde sein Herz fröhlich. Er sagte: „Noch eine Nacht, dann erreichen wir die Stadt“. Da sprang sie auf einem holperigen Weg heimlich vom Wagen und versteckte sich im Gebüsch. Als der Wagen nicht mehr zu sehen war, trat sie hervor. Versonnen hörte sie den wilden Schwänen zu, die das Lied ihrer Heimat sangen. Und sie sprach in ihrem Herzen. So wie die wilden Schwäne will ich sein. Fliegen sie auch noch so weit, so finden sie stets die Heimat wieder.

Da setzte sich ein alter Schwan neben sie und sprach: „Ich höre die Stimme deines Herzens, Frau. Folge meinem Ruf, und du wirst die Heimat wieder sehen.“ Da folgte die Frau den Schwänen, und so kam sie vor das Nord-Tor der Stadt, hinter dem der Palast des Königs steht. Sie lachte mit dem Teppichhändler, und er schenkte ihr Orangen. Sie aber nahm das Obst und versteckte sich im Torbogen des Palastes. Sie fühlte die Blicke der Wachen in ihrem Nacken. Ihren Blick aber wandte sie nicht um. Als sie gegessen hatte, wie sie es von der Mutter gelernt hatte, tupfte sie mit einem Zipfel ihres Ärmels ihre Lippen trocken, denn ein Tuch hat sie nicht mehr besessen. Erst als sie das Knirschen von Kies unter dem Stiefel eines Soldaten hörte, wandte sie ihren Blick. Mit einem schrillen Schrei sprang sie auf, als wolle sie fliehen. Da griffen die Wachen nach ihr und brachten sie vor den König.

Der weise König aber lachte: „Wen bringt Ihr mir da, eine Fürstin im mit Safran gelb gefärbten Gewand einer Hure?“ Die Frau neigte ihren Blick und schwieg. Das weckte die Neugier des Königs. Er befahl seinen Wachen: „Bringt einen kleinen Tisch mit Obst und Käse, und bringt mir von dem süßen Brei!“ Der König fragte, und die Frau antwortete. Sie sprach auch von ihrem Unglück, hinter dem schon viele Jahre lagen. Und auf ihren lächelnden Lippen lag eine Lüge. Das weckte die Neugier des Königs, und so begann er zu reden. Er redete noch als die Sonne schon tief stand. Und sie nickte und lauschte seinen Worten. Dann sprach er zu der Frau: „In meinem Turm will ich dich verstecken. Dort wirst du ruhen. Ich aber werde zu meiner Königin gehen.“ Da ging sie in den Turm. Am nächsten Tag kamen die Wachen und führten sie abermals vor den König. Und der König erzählte. So geschah es sieben Tage lang. Dann wurde das Herz des Königs fröhlich, und er befahl seinen Wachen: „Lasst das Weib baden, und dann bringt sie in den Turm zurück.“ Die Frau blickte heimlich um sich, und ein Feuerpfeil schoss durch ihre Brust, als ihr Blick auf das breite Grinsen der Wachen fiel. Aber sie folgte den Wachen. Als sie nach dem Bad zum Turm geführt wurde, glitt ihr Fuß von der Treppe. Und hätten die Wachen sie nicht gehalten, wäre sie von der oberen Stufe in den Kerker gestürzt. So aber kniete sie jammernd und weinend zwischen den Stiefeln der Wachen auf den Stufen. Als man sie hochhob, konnte sie nicht gehen. Sie presste ihre vom Schmerz verzerrten Lippen aufeinander und über ihre Wange lief eine kalte Träne. Die Wachen eilten zum König, um ihm das Unglück zu melden. Die Frau aber entfloh durch das Dunkel der Nacht in den schmalen Gassen der Stadt.

Vor dem Gasthaus in dem die reichen Kaufleute Rast machen, brach sie schließlich zusammen. So saß sie da, in dem scharlachrot gefärbten Kleid, das sie für den König trug. Und sie fasste an ihre Schläfe. Da griffen galante Hände nach ihrem Arm, und man führte sie ins Gasthaus. Dort aß sie mit einem kupfernen Löffel dünnen Brei mit Gemüse, Weizen und Fleischbrühe. Und nach jedem Löffel, den sie aß, betupfte sie ihre Lippen mit einem Tuch. Da setzte sich ein Gewürzhändler neben sie. Und als die Nachtwache das Licht löschte, saßen sie noch immer am Tisch und der Mann fragte und die Frau antwortete, so wie ihre Mutter ihr es beigebracht hatte. Und als der Mann nach ihrem Namen fragte, sagte sie: „Sylvia Elysa“. Als der Morgen kam, stieg die Frau, die das mit Safran gefärbte Kleid von Elysia gestohlen hatte, zu dem Gewürzhändler auf den Wagen. Nach drei Tagen erreichten sie den großen Hafen, in dem die Schiffe anlegen, die mit Waren beladen nach Ägypten fahren. Und Sylvia Elysia erzählte dem Kaufmann von den Worten des Königs. Das machte das Herz des Kaufmanns froh und seine Brust schwoll an, und er sprach zur Frau: „Wie ich sehe, hast du viel von mir gelernt, Schiffbrüchige. Du wirst noch viel mehr von mir lernen müssen, damit ich mich deiner nicht schämen muss. Sieh, ich bin klug, denn meinen Besitz habe ich gemehrt. Du aber bist elend und arm. Lerne von mir, deinen Besitz zu mehren. Folge mir stets einen Schritt hinter mir. Achte auf deine Schritte, dass du niemanden verärgerst mit deiner Torheit. Gedenke stets meiner Worte.“ Und die Frau gedachte ihrer Heimat, während sie ihren Nacken vor dem lauten Gebaren des Kaufmanns beugte. Zwischen ihr und der Heimat lag wieder das Meer, das alles in ihr verschlungen hatte. Da setzte sie sich auf die Mauer am Kai und ihr Blick versank am Horizont.

Als sie so auf der Kaimauer saß, und als der leichte Wind mit ihrem offenen Haar spielte, setzte sich ein wilder Schwan neben sie und sprach: „Sieh, ich habe dir gesagt, du wirst deine Heimat wieder sehen. Die Heimat ist noch so wie sie war. Du aber bist eine andere geworden. Du hast das Gewand der Anderen angezogen. In deinem Herzen trägst du es noch immer. Deine Heimat wirst du bald sehen, aber du wirst dort nicht mehr zu Hause sein.“ So sprach der wilde Schwan und flog davon. Und die Frau folgte dem wilden Schwan auf einer kleinen Barke. Und ihr Herz wurde froh, denn sie wusste, was in der Heimat auf sie wartet: Ein großes Haus mit kalten Zimmern und das alte zinnoberrote Kleid ihrer Mutter, der Frieden der Einsamkeit, und der Ruf der wilden Schwäne. Und sie wird ihrem Ruf folgen.

Affunculis 

Das ist das Märchen vom hohen Haus der Könige und von den stummen Bauleuten. Krieger hatten den Bauleuten des neuen Hauses ihres Anführers die Zungen heraus geschnitten. Den Architekt aber hoben sie auf ihren Schild und machten ihn zum König. Der ließ seinen Gehilfen in den oberen Stockwerken schöne Zimmer errichten. So kam es, dass die armen Bauleute bis heute nicht von dem Fundament reden können, welches das Haus trägt. Denn man hat ihnen die Zungen heraus geschnitten. Und seinen Gehilfen hat der König selbst goldene Ketten angelegt.

Da schrie eine Frau, die eine Tochter empfangen hat. Der König, der das hörte aber befahl: „Bringt mir die Tochter.“ Also eilten die Gehilfen zur Frau und sagten: „So rede nun, Frau: Wo ist deine Tochter?“  Die Frau aber sprach: „Hört mich an. Dies ist die Kunde von dem Orakel, welches ich auf dem Gipfel des großen Gebirges befragt habe, als ich noch jung an Jahren war: „Ein großer Feldherr wird ins Land ziehen. Ihm werden sie ein hohes Haus bauen. Das Haus wird bestehen. Und in sieben mal tausend Jahren werden die Leute noch von ihm reden. Sie werden sagen: Das Fundament des hohen Hauses aus eisenhaltigem Gestein ist auf einem jahrtausendealten Moor errichtet worden. Es ist das Moor, in dem die Architekten des Königs die Wahrheit und das Gesetz von Gut und Böse versenkt haben. Das geschah der Nacht bevor sie die Bauleute zum Moor brachten. Das Moor lag zwischen flachen Gebirgsketten und grünen Auen, die einst besiedelt waren von friedlichen Menschen in kleinen Hütten. Ihre Vorräte lagerten sie in einer Höhle in den Bergen, wo sie im Winter ihr Quartier bezogen. Freie Mütter hatten viele Früchte gesammelt und getrocknet. Sie hatten geboren und genährt. Sie tanzten mit den Schamanen, und sie verbrannten Räucherwerk in den Rauhnächten, und mit Großmüttern und Onkeln zogen sie die Nachkommen auf. So war es seit Urzeiten, seit der erste Mensch das Licht der Welt erblickte."

Die Stimme der Frau wurde schwächer, doch sie redete weiter: "Erst, so sprach das Orakel, wenn das hohe Haus in sieben mal tausend Jahren dicke Risse hat, die kein Mensch mehr zu schließen vermag, und wenn die Kunde vom Einsturz lauter von den Dächern tönt, als jedes Lied der Könige, werden weise Frauen das Fundament erforschen. Und sie werden die Wahrheit im Moor wiederfinden. “

Die Soldaten aber lachten und sagten zur Frau: „Sei nicht töricht, Frau, so dass dir kein Leid geschehe. Eine folgsame Tochter, wenn die Weisheit sie geküsst hat, wird sie ihr Haupt vor dem König neigen. Ihre Kinder wird sie an ihrer Brust nähren, und es werden viele sein, solange sie ihrem Herrn gefällt. Er wird es sein, dem sie ihre Früchte bringt. Keine böse Kunde wird über ihre Lippen kommen, nur die süße Melodie ihres Herrn.“ Die Gehilfen des Königs, die gekommen waren, um die Tochter zu holen, lobten die Rede der Soldaten. Die Mutter hörte alle ihre Worte, lächelte müde, und starb. Und die stummen Bauleute schwiegen.

Reden sollten die Zimmerleute, welche das Dach des neuen Hauses errichtet haben. Die Pläne, vom Fundament bis zum Dach, hatte der Architekt auf Häute und auf Papyrus geschrieben. Mit den Zimmerleuten zog die Kunde vom hohen Haus über das ganze Königreich: Doch ihre Augen haben nicht das Land gesehen, in dem das Fundament errichtet worden war. So sagten die Zimmerleute, das Haus sei auf Felsen errichtet. Sie sprachen: „Um diesen Felsen herum lag eine öde Wildnis und Höhlen, die von Affen bewohnt waren.“  So entstand die Mär von Affunculis, dem Land der Affen. Dieses Land, so scheint es noch heute, ist nicht das Land, in dem das neue Haus der Könige gebaut wurde.  

Bis heute schweigen die Bauleute. Die Zimmerleute ziehen durchs Land, mit der Mär vom hohen Haus und mit der Mär von der Wildnis Affunculis, dem Land der Affen. Und das hohe Haus bleibt bestehen.

Und wenn das Gebälk auch ächzt, die Könige singen das Lied vom hohen Land, das Lied von der grünen Aue. Die Architekten rasseln im Rhythmus, mit den goldenen Ketten, und brave Töchter singen das süße Lied des Herrn. Längst vertrocknet ist das Moor, in dem die Wahrheit verborgen liegt.

Und es kommen Tage, da steht die Sonne selbst im Winter warm über dem hohen Haus, und ihr Licht erhellt selbst die Meere, heller und wärmer als vor sieben mal tausend Jahren. Das Eis der Gletscher schmilzt, und Grönland wird wieder grün. Es ist die Zeit in der die Sturmwinde kommen. Regen benetzt die Länder. Wo die großen Ströme nicht anschwellen, und über die Ufer treten, da sehen die Menschen die Donnervögel lärmend am Himmel stehen. Dann droht große Not. Keine grünen Auen. Keine Lieder. Auch die Sonne vermag die Elenden nicht zu trösten.

Weit ab steht das neue Haus der Könige, und hier fällt der Regen lind. Dicht ist das Dach des hohen Hauses, und seine Rinnen leiten das Wasser sicher in den Boden. Die Menschen vor dem hohen Haus tanzen im warmen Regen, und sie singen frohe Lieder. Sie klatschen im Takt ihrer goldenen Ketten, im Spätsommer, wenn die wilden Beeren reifen.

Und das Birkhuhn kehrt zurück ins Moor, der große Brachvogel und die Kreuzotter. Da sind Frauen mit weisen Haaren. Sie halten Bündel mit Wollgras in den Händen, und sie rufen einander zu: „Hier habe ich etwas gefunden. Es ist die Wahrheit.“  

Der Garten der Göttinnen

„Da war ein Garten, der erstreckte sich bis zum Horizont. Der Garten, das waren sieben Teile.“  Die junge Frau blickte mit fragenden Augen zu ihr herüber. Da nahm die alte Frau die Tochter ihrer Tochter bei der Hand und führte sie zu dem kleinen Teich, der in einer Waldlichtung lag. Sie zeigte auf die schwarz leuchtende Wasseroberfläche. Die junge Frau konnte die Großmutter und sich selbst wie in einem Spiegel darin sehen. Da kam ein leichter Wind und verwischte das Bild.

Die alte Mutter aber sprach:

Das Märchen vom Garten der Göttinnen will ich dir erzählen. Es erzählt von einer Zeit, vor unserer Zeit. Lege deinen Blick auf das Wasser und folge meinen Worten. Siehe, da war ein Zaubergarten. Im größten Teil erstreckten sich endlose Wälder. Vor seinen riesenhaften wild-rauen Sandsteinflanken sang der Wind sein Lied. Am Fuße der Flanken sprachen die Menschen mit singender Stimme geheime Worte in von Termiten ausgehöhlte Eukalyptusstämme:  „Wäiii-jaaa, Iiih-diii“.  Das, mein Kind, war der Klang der Wildnis. Der Wind trug ihn in die endlose Weite der Dünenlandschaft, in der ein magischer fahler brauner Berg lag.  Bei Sonnenuntergang verfärbte sich der Berg unter dem Gesang der Göttin hellrot. Und ihr Name war Kunapipi. Man sagt, sie gebar so viele Kinder, dass die Menschen ihr Bild als das Bild von Zwillings-Schwestern malten. Und ihre Urenkel singen ihr noch heute das Lied der Wildnis, mit Eukalyptusstämmen.

Im zweiten Garten wohnte Anki, die große Göttin des Himmels und der Erde. Sie seufzte oft, ob des Schicksals, welches die Nomaden mitbrachten, die aus dem Land der Schneeberge in ihren Garten gekommen waren, der zwischen zwei großen Flüssen lag. Der geheimnisvolle Garten war gesäumt von zwei Gebirgen, und er war offen an seiner Küste zum grünen Meer.

Im Sonnengarten wohnte Neitha. In ihrem Auge stand stets eine kleine Wehmuts-Träne, wenn sie der Zeiten gedachte, in denen ihr Garten einst über und über mit frischem Grün bedeckt war. Nun offenbarte sich die Pracht endloser Sanddünen vor ihren Augen, und entlang des großen Flusses lagen fruchtbare Oasen, wie Perlen, eine schöner als die andere.

Von eben solcher Weite war auch der Garten der vier weisen Göttinnen ohne Namen. Es waren die Schlangenfrau, die Erdfrau, die Kornfrau und die Spinnenfrau. Die Spinnenfrau brachte das Licht auf die Erde. Die Weite des Gartens reichte von einem Ozean bis zum anderen. Es war ein wunderschönes Land mit allen Arten von Landschaften, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Große Herden mit wilden Pferden, und mit anderen riesigen starken Tieren zogen durch den Garten. Ein einziges Tier ernährte ein ganzes Dorf viele Wochen lang. Die Urenkel der Spinnenfrau nennen den Garten Sehnsucht, und Heimat.

Ein kleiner, aber prächtiger, duftender und blühender Garten war der von Gaia, der „Göttin Erdenmutter“. Sie wurde in der Finsternis geboren, aber auf ihrem Garten lag die Sonne.  Die Göttin wohnte in ihrem Garten mit ihrer Mutter und mit ihrer Tochter. Unter den Händen der drei Göttinnen wuchs und gedieh der Garten prächtig, und die Menschen lachten und tanzten mit ihnen unter der goldenen Sonne. Ihr wunderschöner Garten erstreckte sich über ungezählte kleine Inseln, die in einem blauen warmen Meer lagen, sowie über ein Stück Festland, welches das Land der Berge genannt wurde.

Der sechste Garten war der Garten des Glücks. Doch er sollte der Garten des Seufzens genannt werden, in einer neuen Zeit, in welcher sein Reichtum sein Segen und sein Fluch sein sollte: Gold, Diamanten, Kupfer und Öl. Im Garten des Glücks wohnte einst die Göttin Mebeli. Sie liebte die wilden Elefanten, die in den Wäldern umherstreiften. Sie liebte die Regenwälder und die Tiere, die Leoparden, die Antilopen, die Schimpansen und auch die riesigen Flusspferde, mit denen sie seit Anbeginn der Zeit friedlich gelebt hat.

Ein ganz besonderes Getreide brachte der letzte Garten hervor. Es war weiß, und die Frauen sammelten das wilde Getreide in den gewaltigen Schwemmlandbecken, die sich abwechselten mit Gebirgen und trockenen Wüsten. Es war der Garten der Göttin Nu-Wa. Sie liebte die Musik, und die Menschen. Die wurden Bauern. Der Garten der Göttin Nu-Wa ist auch der Garten der Legenden.

Nach einer alten Legende, welche von der Zeit erzählt, als der Kosmos noch ungeordnet war, und in der Himmel und Erde ihre Plätze noch nicht eingenommen hatten, in der die Himmelsrichtungen vertauscht waren, und als überall Feuer loderten, und als zugleich eine Flut das Land verschluckte, soll Nu-Wa  Steine geschmolzen haben, um den Himmel zu flicken. Und mehr noch. Die Menschen sagen: Nu-Wa ist die Schöpfergöttin der Menschen. Von diesem Garten kam die Kunde, Nu-Wa und ihr Bruder Fuxi  seien die einzigen Menschen in diesem Garten gewesen. Sie sagen, ihre Augen erblickten zwei Rauchwolken, welche gen Himmel stiegen, und die sich in der Luft vereinigten. Das, so sprachen die Beiden, ist ein Orakel. Lass und einander heiraten. Auf Bildern aus alter Zeit sind Nu-Wa und Fuxi  als Frau und Mann gemalt, und siehe: Mit dem Leib einer Schlange.

Längst schon liegt der Garten der Göttinnen in Schutt und Asche. Im wenigen Grün, das noch ist, ward jeder Grashalm gezählt. Kein Mensch vermag ihn mehr zu finden. Rauchwolken stehen am Himmel, über den Gipfeln der hohen Berge. Verloren ist die Wahrheit, das Gesetz von Gut und Böse. Es liegt im Dunkel der Vergessenheit. Und „Chomlung-Ma“ heißt „Mutter des Universums“, ein Mittler zwischen Himmel und Erde. Seine Gipfel liegen im Nebel.

Begraben im Wüstensand liegen die Bildnisse der großen weisen Frauen. Manchmal, wenn der Wind es will, taucht das steinerne Abbild einer Göttin aus dem Sand auf, im Licht des hellen Tages. Bilder einer goldenen Zeit. Sie erstrahlen in der Finsternis.  Es ist die Zeit des kalten Lichts, welches die Grenzen von Nacht und Tag verwischt. Bleiche Frauen mit dicken Lippen und schmalen Leibern schaudern beim Anblick der Göttin. Es ist die Zeit der Auferstehung der alten Legende. Da waren Rauchwolken, die gen Himmel steigen. Da lauschen Menschen dem Klang ihrer Stimmen, die einander sprachen: „Es ist ein heiliges Orakel. Lasst uns ihm folgen.“ Und sie folgen dem Schall und dem Rauch, bis das letzte Öl verbrannt, und bis das letzte Gold geschürft ist.

„Chomlung-Ma, reiß auf die Himmel, und lass es regnen. Wasche weg den Staub der Vergessenheit, und lass uns die Wahrheit finden.“ 

Der lange Weg

Dies ist das Märchen von der großen Dürre und von den Müttern, die sich auf den Weg machten, ins Land ihrer Urenkel.

Als die Wollnashörner und die anderen großen Tiere nach Norden gezogen waren, war es still geworden in den Weiten der Landschaft, die einst eine Steppe war. Längst hatte das Land sein beiges Steppen-Kleid unter der Wärme der Sonne in das bunte Kleid einer Tundra aus Büschen und Wäldern getauscht. Reich war das Land noch immer an wildem Getreide, an Beeren, Nüssen und Kräutern.  Nala saß unter einem kleinen Baum und beobachtete versonnen das Aufgehen der Sonne am Horizont. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Meldi, ihre kleine Tochter lachend auf sie zulief. Das Kind fiel in die Arme seiner Mutter. Drei Mal schon hat der Jahreskreis sich vollendet, und die kleine Tochter trank noch immer an jedem Morgen an der Brust ihrer Mutter. Langsam aber schien das Kind sich zu entwöhnen. Nala küsste das Haar der Tochter, die nun auf ihrem Schoß saß und auf einem Grashalm kauend mit ihrer Mutter dem kommenden Tag entgegen sah.

Bis in die späte Nacht hatten Hakuk, Jadal, Hedal und die anderen Männer gesungen, und mehr als sonst war ihr Flehen um eine erfolgreiche Jagd. Nun waren sie gemeinsam hinaus gezogen, und sie suchten nach den wenigen Tieren, die noch geblieben waren. Weit in der Ferne sah Nala die winzige Silhouette eines der letzten mächtigen Elche, der zwischen den Zwergbirken stand. Giftige Zwergbirken, das war einer der Flüche, mit welchem das neue Kleid der Landschaft die Tiere und die Menschen bedecken wollte.

So geschah es in der Zeit der großen Wasser, die zweitausend Jahre dauern sollte. Doch davon wussten Nala und ihre kleine Tochter nichts. Auch wussten sie nicht, dass eine große Flut kommen sollte, nachdem die Wasser versiegt waren.

Als die Erde sich unter schweren Dunstwolken schließlich beruhigt hatte, war es kühl geworden. Die feuchten Wiesen trockneten, und mit der Trockenheit kam eine große, zweihundert Jahre lange Dürre. Ein Seufzen ging über die Erde. Die Menschen waren in die Flusstäler gezogen, und schon lange war der Gesang der Männer nicht mehr zu hören, bevor sie gemeinsam auf die Jagd zogen. Die Zeit der Jäger und Nomaden war vorüber.

Während Frauen Gärten pflanzten, hielten die Männer ein jeder seine Schafe und Ziegen in Herden zusammen, ein jeder seine eigene Herde. So wie einst Hakuk und die anderen Männer die wilden Tiere genommen haben und ihrer Gemeinschaft das Fleisch brachten, so durchbohrten nun die Lanzen der Viehhirten das Wild, um ihren Besitz vor den wilden Tieren zu schützen. Das heilige Jagd-Ritual wich dem Morden. Die einstigen Nomaden der Steppen und der Tundra waren zu Herren über ihren Besitz geworden.

Die Freude des Dorfs über die Nahrung wich dem Stolz eines Hirten und dem Neid der Anderen. Der Kreislauf des Lebens hielt an, vor den Grenzen der Viehweiden. Und das Netz des Lebens, an das alles Leben geknüpft war, jedes an seinem Platz, erhielt ein neues Antlitz. Zerrissen war es von Dürre und reißenden Wassern, von Zäunen und Schlössern. Die Menschen rangen unter Seufzen dem oft kargen Boden ihre Nahrung ab.

Hände, die dazu geschaffen waren, zu geben und zu empfangen, ohne Unterschied, wurden zur Faust. Wehe dem, der nichts hatte, das er tauschen konnte. Wehe dem, dem es versagt war, dem Boden genug Nahrung für sich und seine kleine Gemeinschaft abzuringen. Wehe dem Garten, wenn der Regen ausblieb. Angst legte sich wie ein unsichtbares Joch über die Menschen. Es war die Angst vor dem Hunger, der auf Krankheit und Dürre folgte. So wurden die Menschen gierig. Ein Jeder trachtete danach, sich einen Vorrat anzulegen, ein Jeder, so wie er kann.

Da war ein Mann, der tauschte zehn weibliche Schafe gegen einen Bock. Einen Bock stellt er über zwanzig Schafe. Die Augen des Hirten hatten erkannt, dass der Bock den Samen des Lebens in sich trug. So kam es, dass seine Herde unter seinen Augen wuchs. Und die Brust des Mannes schwoll an vor Stolz. War er doch ein stolzer Besitzer vieler männlicher Tiere. Die taugten gut zum Tausch, und so mehrten sich seine Vorräte, so dass er bald mehr besaß, als er benötigte. Da tauschte er seine Vorräte gegen noch mehr Schafböcke und Ziegenböcke, und er wurde noch reicher.

Die Frauen hackten auf den Feldern, und sie plagten sich im Garten. Da war Noiri, eine Mutter einer kleinen Tochter. Sie trug das Kind noch in einem Tuch auf dem Rücken, während sie sich auf dem Feld bückte. Doch ihre Milch versiegte bald, ob der kargen Nahrung und der harten Arbeit. Da war keine Mutter mehr zu finden, die ihr Kind nährte, bis der Jahreskreis sich drei Mal vollendet hatte. So kam es, dass die Menschen viele Kinder hatten, seit der Zeit der großen Dürre.

Wie es den Tieren geschah, so geschah es auch den Menschen. Und so wollte der Kreislauf des Lebens sich nicht mehr schließen. Denn er war aus Dankbarkeit und aus Liebe gemacht. Aber die Liebe war der Angst, der Gier und dem Stolz auf den Besitz gewichen. Und wer mehr besaß, als er verbrauchen konnte, der Bestimmte das Maß zum Tausch, Fleisch gegen Emmer, Einkorn und Linsen.

Wo kein Netz des Lebens mehr gefunden wurde, da ward der Krummstab des Hirten zum Zeichen der Macht. Das war im Land der Dürre und der Wüsten.

Qualis rex, talis grex – Wie der König, so die Herde. Das war auch der Weg der Mütter. Die große Dürre hat sie ins Land ihrer Urenkel geführt. Das war der Weg, auf dem der Lebens-Odem der weisen Mütter erlosch, und ihre Töchter wurden geboren, unter dem Zeichen des Krummstabs. Und ihre Enkel kannten das Netz des Lebens nicht mehr.

Doch da war eine kleine Faser, die hatte die große Göttin unsichtbar in die Herzen der Frauen gewebt. Und wann auch immer ein Mutterherz zerbricht, wo sieht sie eine goldene Faser in ihrem Herzen, die leuchtet wie ein Hoffnungs-Funke. Und sie steht auf und geht auf die Suche nach dem Netz des Lebens.

Märchengeschichte:

Mütter und Töchter

und das Lied vom Zaubergarten

Dies ist das Märchen von den Frauen, welche die Heimat verlassen haben. Es ist ein Märchen von Müttern und Töchtern. Es ist ein Märchen voller Trauer und vom Aufbruch der starken Frauen in eine neue Zeit.

Es war vor langer Zeit, da war ein Mann, der schaute in jeder Nacht voller Ehrfurcht zum Himmel auf. Die Stellung der Gestirne, so sagte man, ist eine Botschaft der Götter an die Menschen. So kam es, dass der Mann in jeder Nacht das Abbild der Sterne auf ein Pergament zeichnete. Merkur kam schnell voran auf seinem Weg, schneller als Venus, Mars und Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun.

Auf seinem Schoß saß oft die kleine Tochter. Mit Griffeln welche er rot gefärbt hatte, mit Vulgaris, Rote Bete, malte sie belustigt in dem Werk seiner Wissenschaft. Und erst, wenn die Tochter schlief, übertrug der Vater seine Aufzeichnungen von der kleinen Schiefertafel auf das Pergament. Der Astrologe liebte sein Töchterlein über alle Maßen.

Verflogen waren Kummer und Gram in der Stunde, in der sie ihren ersten Schrei getan hat. Das geschah auf den Tag genau, ein Jahr nachdem die Frau des Astrologen einen Sohn entbunden hatte. Doch dieser Tag war ein schwarzer Tag, schwärzer als jede Nacht, erfüllt mit Bitterkeit, schlimmer als Wermut. Der ersehnte Sohn, er war tot, schon bevor er geboren wurde.  Und sein Name war Merkur. Merkurus, mein davoneilendes Sternenkind. Denn von zarter Gestalt war seine Mutter, so zart wie ein Kind war sie. Und war es geschehen, dass sie ihren Sohn nach 34 Wochen gebar.

Als das liebliche Töchterlein das Licht der Welt erblickte, da legte der Vater sie auf seine Hand, und kaum größer war sie, als die Hand des Vaters. Da hat die Mutter das zarte Kind in Watte gewickelt und mit einem Daunen-Kissen zugedeckt. Und bei jedem süßen Mucks, der unter den Daunen hervor kam und an das Ohr der Mutter drang, erschrak die Mutter und eilte zur Wiege. Oft stand die Mutter im  Sommer  in der Küche am Fenster und blickte mit Wehmut in den Garten, mit der kleinen Tochter auf dem Arm, und sie sprach: „Ach, warum nur warum, bist du, mein liebes Kind eine Tochter geworden? Nur dein Vater weiß, wie sehr mein Herz sich nach einem Sohn gesehnt hat“. So stand die zarte Frau am Fenster, und ihr Blick fiel böse auf die Weiber im Garten, mit ihren fülligen und wallenden Hüften, die da mit dem Kutscher lachten und scherzten. Der Astrologe aber, der das sah, setzte sich an seine Harfe und spielte seiner Frau ein Lied. So wurden die Augen der Frau leuchtend und hoch, und wenn sie bei den Weibern saß, dann war ihr Lachen hell und laut. Ihr Lachen kitzelte die Ohren ihres Gatten, und sein Herz wurde fröhlich, und er sang seiner Frau Liebeslieder, und ihren schmalen Hals bedeckte er mit Geschmeide.

Die kleine Tochter wuchs heran, und der Vater schenkte ihr Schiefertafeln und Bauklötze aus bunt bemaltem Holz, und die arme Großmutter schenkte ihr einen Stickrahmen. Da saß sie heimlich bei der Großmutter in der Stube, und sie stickte für die Mutter ein Bild. Die Großmutter spannte es in einen kleinen Rahmen. Mit dem Vater hat sie für die Mutter bunte Löffel bemalt, und stets war ihr kleines Herz voll Freude. Die Mutter schmückte das Haupt der Tochter mit silbernen Bändern.  Ihrem  Vater wich sie nicht von der Seite, wenn er das Haus reparierte, wenn der die Pferde einspannte und wenn er die Obstbäume schnitt. Als die Tochter älter wurde, zeigte sie dem Vater einen Gürtel, den sie bestickt hat, und sie sprach: „Vater, eine Perlenstickerin werde ich sein. Lass mich in die Stadt gehen. Dort werde ich das Handwerk erlernen.“ Da antwortete der Vater: „Tochter, du bist klug, wach und gelehrig ist dein Geist. Werde eine Baumeisterin. Paläste wirst du den Oberen bauen, nach ihrem Sinn, und ihre Pforten werden sie dir öffnen. Not wirst du nicht kennen.“ Da blickte die Tochter mild und sagte: „Mein lieber Vater, dies sind meine Pläne: Das Glück werde ich finden, wenn meine Hüften füllig und wallend sind. Kinder werde ich gebären und mein Haus wird von ihrem Lachen erfüllt sein. Ein Baumeister wird mein Mann sein, und wo immer er hin geht, dahin werde ich ihm folgen.“ Da sprach der Vater: „Es ist dein Wille. Dein Wille geschehe.“

So wurde die Tochter eine Perlenstickerin. Da kam ein Korbmacher daher. Er sang ihr Liebeslieder, er schenkte ihr Blumen, und er schenkte ihr Kuchen, und sie wurde die Braut eines Korbmachers. Als die Eltern das sahen, riefen sie die Verwandten und sie sagten: „Ein ehrlicher Handwerker ist er, gerade ist sein Gang und aufrecht sein Blick. Seht nur, unsere Tochter hat uns den Sohn geschenkt, nach dem unser Herz sich gesehnt hat. Unser Segen sei mit ihnen. In drei Monaten kommt alle in das Schloss des Fürsten. Dann wird große Hochzeit sein.“

Bald war ein Jahr vergangen. Die junge Frau drehte sich vor dem Spiegel. Lächelnd band sie eine kleine Schürze vor ihr Bäuchlein. Da sprang mit einem Mal die Tür auf und der Vater und die Mutter traten ein. Als der Vater seine Tochter so vor dem Spiegel stehen sah, fiel sein Blick auf die kleine Wölbung ihres Leibes, und sein Blick wurde finster. Und von da an verging kein Tag, an dem die Tochter nicht seufzte unter den  Scheltworten des geliebten Vaters. „Halt ein,“ sprach die Mutter schließlich zu ihrem Mann, „auf dass sie nicht zum Entsetzen gebären möge, bevor es an der Zeit ist.“  

Als die Zeit gekommen war, in der die Tochter gebären möge, sprach die Mutter zur Tochter: „Wenn du in den Wehen liegst, so zürne nicht deinem Manne. Sei mild mit ihm.“ Als die folgende Nacht vergangen war, erblickte ein kleiner Knabe das Licht der Welt. Die Mutter rief die Verwandten ins Haus. Als sie alle gekommen waren, bürstete die Tochter ihr Haar, zog ein schönes Kleid an und stieg am Arm ihres jungen Gatten die Stufen empor, zu den Zimmern ihrer Eltern. Es dauerte nicht lange, da hörte sie die Verwandten kommen. Der Vater öffnete die Tür und die Verwandten strömten mit Jubelrufen ins Haus. Sie eilten an der Tochter vorüber und küssten die Großmutter. Da sprach die Tochter: „Seht mich an. Ich bin die Mutter.“ Die Verwandten aber lachten: „Die Großmutter, sie lebe hoch. Seht nur wie niedlich der kleine Knabe ist. Es ist Blut von ihrem Blut.“ Da drückte die Tochter ihr Kind an ihr Herz, schlich betrübt die Stufen hinab und ging in ihre Stube. Der junge Vater aber, der ihr gefolgt war, nahm den Knaben, stieg mit ihm die Stufen empor, um den Verwandten den Knaben zu zeigen. Und sie sprachen: „Der junge Vater, er lebe hoch. Böse aber ist sein junges Weib. Möge sie doch weg gehen, wenn es ihr beliebt. Den Knaben aber soll sie bei seinem Vater lassen, so dass wir ihn anschauen können.“

Der kleine Sohn gedieh zur Freude der ganzen Hausgemeinschaft. Die Großmutter wich nicht von seiner Wiege. Ihr Rat begleitete die Tochter von der Stunde in der sie morgens erwachte, bis sie sich am Abend zur Ruhe nieder legte. Wenn die Tochter mit dem Kind das Haus verließ, ermahnte sie die Mutter: „Pass mir gut auf mein Kind auf“. Die Tochter, die geschickt war in allen Dingen und die ihr Kind an ihrer Brust nährte, verschloss die Worte der Mutter in ihrem Herzen. Nur ihrem Mann gab sie den Schlüssel zu ihrem Herzen, so dass er sehen konnte, wie es vor Kummer blutete.  Als der junge Vater wie an jedem Tag zur Arbeit gegangen war, wollte die Tochter nicht auf den Rat ihrer Mutter hören. Da schlug die Mutter ihr auf die Wange. Die Tochter presste ihr Kind, das sie im Arm hielt, an ihr Herz. Als sie die Abendsuppe aßen, beklagte die Tochter sich vor ihrem Mann über die Strenge ihrer Mutter, und sie sprach: „Lass uns ein kleines Haus für uns alleine mieten.  Den Mietzins können wir uns leisten.“ Doch der junge Mann verschloss seine Ohren vor den Klagen seiner Frau und sprach mit entschlossener Stimme: „Wozu Zins für ein kleines Haus bezahlen, wo wir doch in dem großen Haus meiner Schwiegereltern leben.  Sieh dich an. Was bist du ohne deine Mutter, die dir ständig hilft?  Elend bist du, und unfähig einen Haushalt zu führen ohne die Hand deiner Mutter. Und gedenke doch des Kindes, das du unter deinem Herzen trägst. Nur ein Narr zahlt einen Zins für ein fremdes Haus und verlässt sein eigenes.“  Die junge Frau schwieg und bewahrte diese Worte in ihrem Herzen.

Sie gebar eine kleine Tochter. Und als die Tochter von ihrer Mutterbrust entwöhnt war, verdingte sich die junge Frau bei einem Schreiber. Ihre Gedanken waren bei ihren Kindern, ihr Blick aber war bei den Schreibern. So vergingen drei Jahre. Die Schreiber lachten mit der jungen Frau. Hinter ihrem Rücken aber spotteten sie ihr, wie einer Verstoßenen, die in der Schenke kühles Wasser trinkt, weil sie keinen Brunnen in ihrem Haus hat. Die junge Frau jedoch, gedachte an jedem Tag ihrer Worte, die sie als Kind das seinen Kinderschuhen gerade erst entwachsen war, zu ihrem Vater gesagt hatte:  „Mein lieber Vater, dies sind meine Pläne: Das Glück werde ich finden, wenn meine Hüften füllig und wallend sind. Kinder werde ich gebären und mein Haus wird von ihrem Lachen erfüllt sein. Ein Baumeister wird mein Mann sein, und wo immer er hin geht, dahin werde ich ihm folgen.“

An einem schönen Frühlingstag begegnete die junge Frau einem Bauernsohn. Der war schon in die Jahre gekommen, aber er hatte kein Weib. Er fragte: „Junges Weib, wohin gehst du?“ Und so nahm sie ihre Kinder und ging zu dem Bauernsohn. Sie sah auf ihre Kinder, und sie sah auf ihre Hüften, und wieder gedachte sie der Worte, die sie als Kind gesprochen hatte. So folgte sie dem Bauernsohn fortan, ohne Zagen.

Und seine Mutter und seine Schwestern wiesen ihr einen Platz in der Asche neben dem Herd zu, dort möge sie essen. Am Tisch war kein Platz für sie.  Als das Vieh versorgt und die Morgensuppe gegessen war, nahm die junge Frau stumm die Kinder an die Hand und schlich in ihre Kammer. Da nahm die Bauersfrau ihren Sohn beiseite und sprach mit Entschlossenheit:

„Einem Sohn der ohne ein Weib ist, wollten wir den Hof nicht geben. Denn alt sind wir an Jahren, und die Arbeit ist viel. So sprachen wir zu dir, ein Weib mögest du uns bringen. Du aber, alter Nichtsnutz, hast uns eine Herrin gebracht. Eine Perlenstickerin, eine Schreiberin, eine Tochter eines Astrologen taugt nicht, um als Magd einzuziehen, in das Haus einer Bäuerin. Der Tag kommen wird kommen, an dem sie deinen Vater und mich mit Schande aus dem Haus wirft.“

Da fluchte der Bauernsohn seiner Eltern, ihre Worte aber, behielt er in seinem Herzen. So wurde sein Blick hart gegen seine Frau und seine Worte wurden grob, und er fand keine Milde, als ihr Leib sich wölbte. Er nahm die Asche aus dem Ofen, und schüttete sie seinem Weib übers Haupt, als sie eine kleine Tochter an ihrer Brust nährte. Ihre Tränen schmeckten salzig, während ein kleines Bauerntöchterlein an der Mitterbrust saugte.

Und ihr Anblick ward einer elenden Magd gleich. In ihrem Herzen aber war sie die Tochter eines Astrologen, eine Perlenstickerin, eine Schreiberin, eine gute Mutter, und sie war die Frau stolze eines Bauern. Wegen der Asche schwieg sie fortan. Ihre Gedanken an die Zeit ihrer Jugend aber schrieb sie des Nachts in ein kleines Buch, und dieses versteckte sie in einem Sarg aus Zink. Diesen Sarg warf sie in den alten Ochsenkarren in der Scheune, mit dem der Vater ihrer Schwiegermutter die Früchte einst vom Feld holte. Dann bedeckte sie den Sarg mit alten Lumpen und Gerümpel. Der Wind kam kalt aus Norden und nahm die Lieder ihrer Kindheit mit sich. So verflog die Zeit. So verflogen die Erinnerungen.

Dann kam der Tag, da ergoss sich mit einem Sturmwind und Hagel das Unheil über ihrem Haus, das sich mit der Zeit zusammengebraut hatte. Da flohen die zwei großen Kinder aus dem Haus und zogen ein jedes in sein eigenes. Der eisige Sturmwind hatte tiefe Furchen im Angesicht der Frau hinterlassen. Und wegen des Hagels war das Dach ihres Hauses undicht geworden. Der Bauer und seine Frau lebten mit dem einzigen Kind, das ihnen noch geblieben war in dem kalten Haus, und sie froren bitterlich. Das Bauerntöchterlein aber, das sich in der guten Stube der Großmutter aufzuwärmen pflegte, wuchs zu einer wunderschönen und klugen Jungfrau heran.  

Ihr geliebtes Antlitz war das einzige Licht in einem dunklen, kalten Haus. Es war ein großes Haus mit Treppen aus Marmor und Böden aus hellem Holz, und Not kannte das Haus nicht.

Hier wuchs die Tochter heran, und sie war der ganze Stolz ihrer Mutter und ihres Vaters. Sie war der Stolz ihrer Großeltern und Tanten. Und sie war der Stolz ihres Spiegelbildes.

Es war in der Zeit, als sie gerade ihren Kinderschuhen entwachsen wollte. Da erblickte der alte Bauernsohn sein Grab und der Tod stellte sich neben ihn und sprach: „Es naht der Tag, da werde ich kommen, um dich zu holen.“ Hart und lang waren seine Tage gewesen, die Arbeit war schwer. Der Staub der Felder hatte seine Lungen verstopft, und der Neid der kleinen Bauern rings um den großen Hof war Fäulnis in seinem Gebein. Er hatte die Felder gepflügt. Er hatte auf dem Markt gehandelt und mit den Landvermessern gestritten. Er hat gesät und geerntet, gekauft und verkauft, und im Haus hat man ihn kaum gesehen. Dunkle Wolken zogen auf, als der Tag des Abschieds kam. Und am folgenden Tag kam ein Sturmwind aus Norden. Der brachte Kälte und Hagel.

Da streckte die alte Schwiegermutter ihre Arme nach der jungen Enkeltochter aus. Sie zeigte auf den weichen roten Teppich in der guten Stube, und sie öffnete die Tür zu dem hellen Kämmerlein hinter ihrer Küche. Die Tochter stand in der Tür und die Alte rückte den Schrank von der Wand, und dahinter war eine geheime Tür. Da nickte sie dem Töchterlein mit dem Kopf zu und öffnete die geheime Tür einen Spalt. Hinter dieser Tür lag ein schöner Garten mit bunten Blumen und duftenden Beeren. Mitten in dem Garten stand ein kleines Schloss. „Es sei dein“, sprach die Großmutter zu dem Mädchen: „Komm zu mir, und du wirst eine Prinzessin sein.“ Das Töchterlein aber gedachte der Mutter, und sprach: „Nein.“ Immer, wenn sie zur Großmutter ging, schaute sie aber in den Garten, und die Sehnsucht wuchs in ihrem Herzen. Und wenn die Mutter sie zur Arbeit rief, dachte die Tochter an den geheimen Garten. So saß sie oft bei der Mutter in der Küche und träumte, und ihr Ball, ihre bunten Bänder, ihr kupfernes Geschmeide und ihre farbige Kreide lagen achtlos auf dem Tisch. Es kam ein Tag, der brachte dunkle Regenwolken und die Mutter schimpfte wegen der Bänder, dem Ball, dem Geschmeide und der Kreide, die auf dem Tisch lagen.

Da schlich das Töchterlein des Nachts heimlich zur Großmutter, ging in das Kämmerlein, schlich hinter den Schrank, ging durch die geheime Tür in den Garten, und legte sich in dem Schloss in ihr Bettchen. Als die Tochter nicht von der Schule nach Hause kam, fing die Mutter zu suchen an. Doch sie konnte ihr geliebtes Kind nicht finden. Da kam ein alter Rabe an ihr Fenster und sprach: „Krück, krück, dein Kind, es kommt nie mehr zurück.“ Die Mutter, welche die Stimme erkannte, aber schrie: „Alter Schurke, was habe ich dir angetan? Was habe ich getan? Was habe ich dir angetan, dass du mein Kind mir stiehlst?“ Der Rabe aber nahm vom Tisch die Kreide, und biss hinein. Dann sprach er: „Fein, fein, fein, das Töchterlein, in mein Schloss zog sie ein. Fein, fein, fein, bei mir nur will sie sein.“ Dann flog der Rabe in den Garten. Die Prinzessin öffnete das obere Fenster im Glockenturm, und der Rabe flog herein. Und er schlief in einem goldenen Bett neben ihrer Kammer, und er aß von einem goldenen Teller neben ihr an der Tafel, und er aß von einem goldenen Löffel. Die alte Großmutter aber lachte in ihrer Küche und kochte Pflaumenmus.

Die Mutter kroch in die Scheune und holte den alten Ochsenkarren. Sie setzte sich in den Sarg und las im Buch ihrer Erinnerungen. Sie las sieben mal 77 Tage und sieben mal 77 Nächte lang. Dann ging an jedem Tag in die Stadt und stellte sich auf den Markt, wenn die Mittagssonne hoch am Himmel stand. An jedem Tag stand die Mutter an ihrem Platz. Und bald kannten die Leute ihren Namen. Und ihr Name war „die Schwefel-Hexe“. Vor ihr stand eine kleine Feuerschale. Wenn die verstoßenen Mütter an ihr vorüber gingen, blies sie ins Feuer, so dass die Frauen erschraken. Da sprach die Mutter: „Was süß ist im Frühling, ist bitter im Sommer des Lebens.  Wer das nicht weiß, der hofft vergebens. Das Lied vom verlorenen Zaubergarten singt mit mir, ihr lieben Leute. Morgen ist gestern heute.“

Die Frauen aber gingen an der schrulligen Alten vorüber. Nur selten blieb eine stehen. Der Platz der Mutter war bei den Bettlern und bei den Dieben. Staubig und zerrissen waren ihre Kleider von der Arbeit, seit dem Tag des Raben. Denn an jedem Morgen hielt sie sich bei den Sträflingen auf, die dem Kaiser Frondienst leisteten. Und der Kaiser gab ihr Brot. So kam es, dass man sie, ob ihrer staubigen, zerrissenen Kleider und des Feuers, „die Schwefel-Hexe“ nannte. Und kam das Schimpfwort an ihre Ohren, so lachte sie, und blies ins Feuer.

Was süß ist im Frühling,

ist bitter im Sommer des Lebens.

Wer das nicht weiß,

der hofft vergebens.

Das Lied vom verlorenen Zaubergarten singt mit mir,

ihr lieben Leute.

Morgen ist gestern heute.

Mit der Zeit wurden die verstoßenen Frauen, die bei ihr stehen blieben mehr. So kam es, dass die Frauen in der ganzen Stadt umher gingen, und das Lied vom Zaubergarten sangen. Die Kaufleute, die das hörten, waren des Gesangs der Schwefel-Hexe überdrüssig, und sie jagten die davon. Ihre Feuerschale stießen sie mit dem Fuß nieder, und die verstoßenen Frauen suchten nach der Hexe vergebens. Da gingen sie singend über den Markt, um nach ihr zu suchen. Die Hexe aber nahm eine größere Schale, füllte sie mit Kohlen und stellte sie auf dem Galgenberg auf, der über dem Marktplatz lag. So konnten die Leute den Rauch, welcher aus der Schale empor stieg, von weitem sehen. So kam es, dass viele Frauen auf den Berg eilten, die verstoßenen Frauen mit ihrem Lied vom Zaubergarten auf den Lippen, und die Frauen der Bauleute und der Astrologen, die Frauen der großen Kaufleute und die Bauersfrauen.

Da sprachen die feinen Frauen der Bauleute, der Astrologen und der großen Kaufleute: „Will die Hexe unsere Städte niederbrennen? Sie möge schweigen, auf dass es uns wohl ergehe.“ Die Bauersfrauen aber schimpften: „Seht die Hure! Eine Verstoßene ist sie, unter Verstoßenen. Einen eigenen Brunnen hat sie nicht, so will sie sich aus dem meinigen erquicken.“ Da jagten die feinen Frauen die Bauersfrauen davon, ob ihrer Schmähworte. Sie selbst aber lauschten heimlich dem Lied vom Zaubergarten. Und sie sahen an sich herunter, die eine betrachtete die andere. Und sie streichelten eine der anderen das Gesicht. Die verstoßenen Frauen aber wurden viele. Da gingen die feinen Frauen in das Haus des Reeders, und sie überredeten ihn, er möge ihnen ein Schiff geben, damit die Verstoßenen nach Malibertamagis übersetzen, in das geheime Mutterland der Freiheit und der Zauberer, welches in Vergessenheit lag, auf der anderen Seite des Ozeans, schon seit Menschengedenken.

So setzten die Frauen über, und schon bald erreichten sie Malibertamagis. Man sagt, sie lebten dort noch lange, in großen Sippen in Frieden beieinander. Noch heute singen ihre Enkel und Enkelinnen, ihre Urenkel und Urenkelinnen das alte Lied vom Zaubergarten. In der großen Stadt, am anderen Ufer des Ozeans singen die Frauen der Sterndeuter und der Bauleute das Lied vom Zaubergarten, und die Frauen der Korbflechter und der Seifensieder singen mit ihnen. Aber manchmal, wenn ein Haus im Sturmwind brach, oder wenn eine Verstoßene zu ihnen kommt, blasen sie ins Feuer. Und dann legt eine kleine Barke am Strand von Maliebertamagis an. So wird das Lied vom Zaubergarten durch die Städte und über die Ozeane getragen, und es verstummt nicht mehr.

Ma--li--ber-ta-ma--gis.

Mor--gen

ist – gest-tern

heu--te..

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